SPIEGEL ONLINE: Günther gegen Goliath

Ein Professor nimmt es mit den großen Pkw-Herstellern auf und baut ein Elektroauto, das deutlich günstiger ist als die bisherigen E-Modelle. Eine erste Probefahrt zeigt: Der e.GO Life hat das Zeug zum Bestseller.

"Es braucht jetzt uns alle. Ich brauche die Mutigen, die jetzt schon verstanden haben, worum es in der Zukunft gehen wird", sagt Günther Schuh und läuft mit geballter Faust die Bühne auf und ab. Mit zwei Metern Größe ist der Mann eine imposante Erscheinung. Seine Stimme überschlägt sich fast vor Begeisterung als er den 2500 Zuhörern seinen Traum von der Elektromobilität erklärt.

"Mein Ziel war es, ein Elektroauto zu bauen, das sich jeder leisten kann. Und das sich die Leute freiwillig kaufen - einfach aus Begeisterung." Die Menge applaudiert, "richtig so", skandiert sogar ein Zuschauer. Und wenn man den Professor an diesem Nachmittag hört und sieht, könnte man meinen, dass ihm sein Vorhaben gelingen wird.

Schuh ist Inhaber des Lehrstuhls für Produktionssystematik an der Technischen Hochschule in Aachen (RWTH) und Geschäftsführer des 2015 von ihm gegründeten Elektroautoherstellers e.GO Mobile AG. Mit seiner Firma will er nicht weniger als die Autoindustrie revolutionieren - und mit dem e.GO Life das erste bezahlbare Elektroauto bauen. Ein Vorhaben, das bisher weder den zahlreichen Start-ups wie Tesla noch den großen, mächtigen Autokonzerne gelungen ist. Fragt man bei VW, BMW oder Mercedes nach, wird man für die ersten massentauglichen Elektroautos auf die Jahre ab 2020 oder später vertröstet. Elektro-Pionier Schuh will nicht so lange warten.

An diesem Nachmittag hat der Professor das erste e.GO-Produktionswerk in Aachen eröffnet. Auf 16.000 Quadratmetern soll hier ab Herbst die Serienproduktion des kleinen Elektroautos anlaufen. Rund 17 Stunden dauere die Montage eines Fahrzeugs, das an 28 einzelnen Stationen zusammengebaut wird. Die ersten der jährlich 10.000 produzierten Fahrzeuge sollen noch Ende 2018 an die rund 3000 Vorbesteller ausgeliefert werden. In Zeiten, in denen die Autobranche die selbst verschuldete Dieselkrise noch nicht aufgearbeitet hat, Emissionsgrenzen schärfer werden und immer mehr Fahrverbote verhängt werden, ist allein die Eröffnung eines neuen Autowerks eine kleine Sensation.

 

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