NZZ am Sonntag: Der deutsche Elektro-Smart kommt

Auf dem Campus der Technischen Hochschule Aachen kann man seit neuestem nicht nur studieren, sondern auch Autos kaufen.

E.GO heisst der Kleinwagen, der freundlich wie der froschäugige Bruder eines Smart aus dem Showroom unten im Gebäude für Produktions-Engineering grinst. Entwickelt hat ihn Günther Schuh mit seinem Team innerhalb der Universität. Halb Uniprofessor, halb Unternehmer hat der Ingenieur die e.GO Mobile AG direkt neben seinem Lehrstuhl für Produktionssystematik installiert. Schuh hat Erfahrung: Er war es, der auch den StreetScooter entwickelt hat, einen elektrischen Kleintransporter, von dem die Deutsche Post so begeistert war, dass sie ihm gleich das Unternehmen abgekauft hat. «Wir machen das, um den Etablierten zu zeigen, wie sie die Kurve kriegen können», sagt Schuh, ein knapp 60-Jähriger mit leicht meliertem Haar und breitem Lächeln. Die deutsche Autoindustrie droht in seinen Augen die Auffahrt auf die Autobahn der Elektromobilität zu verpassen. Und zwar dort, wo es drauf ankommt: bei günstigen Kleinwagen.

Mit e.GO will Schuh zeigen, wie das geht. «Wir glauben, dass elektrische Kleinwagen einen Marktanteil von 10 bis 12% erreichen könnten, doch die Branche glaubt nur an 1 bis 2%.» In Deutschland wären das 400 000 Neuwagen pro Jahr. Schuh möchte davon 30 000 produzieren. Dazu hat er am Stadtrand eine riesige Halle aufziehen lassen, in der gerade die Produktionsstraße aufgebaut wird. Bereits am 15. Mai soll die Serienfertigung anlaufen.

In Aachen hegt man große Pläne, obwohl sich die Bundeskanzlerin schon längst vom Traum verabschiedet hat, bis 2020 eine Million Elektroautos auf deutschen Straßen fahren zu sehen. Weltweit gab es letztes Jahr gerade einmal 1,2 Millionen Neuzulassungen, so die Unternehmensberatung McKinsey. In Deutschland wurden nur 58 000 E-Autos angemeldet, trotz einer Kaufprämie von 4000 € und Milliarden von staatlichen Hilfen. «So neu, wie wir für manche jetzt erscheinen, ist unser Projekt gar nicht», sagt Schuh. «Wir haben immer nur Elemente verwendet, die irgendwo schon erprobt worden sind.» Selbst die gesamte Idee ist schon Dreißig Jahre alt: Ein puristisches, kleines Stadtauto mit umweltfreundlichem Elektroantrieb – damals wurde es Smart genannt. «Das war ein sensationelles Konzept. Ich habe Nicolas G. Hayek zutiefst bewundert», sagt Schuh. Er habe durchaus absichtlich eine ganze Handvoll von Ideen vom Swatch-Gründer aufgegriffen und weiterentwickelt. «Wenn das Hayek-Konzept zu Ende durchgezogen worden wäre, hätten wir heute massenhaft Smarts auf dem Markt.» Nämlich mit Elektroantrieb und zu einem Preis von rund 10 000 Franken.

 

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